Ulrich Magin
FORTIANISCHE UFOLOGIE
 
Der Philosoph Plato definierte einmal den Menschen als „nacktes Tier auf zwei Beinen“. Am nächsten Tag brachte einer seiner Schüler ein gerupftes Hühnchen mit ... So geht es oft mit Definitionen: Der Gegenstand ist schnell begriffen, doch jede Festlegung macht große Mühe. Was also, bitte schön, ist „fortianische Ufologie“?
 
Am besten definiert man „fortianische Ufologie“ als das, was der Philosoph Charles Fort über UFOs geschrieben hat und als das, was Ufologen, die sich selbst Fortianer nennen, unter ihrer Disziplin verstehen. Es gibt zahlreiche kritische und sogar skeptische UFO-Forscher, die sich als Fortianer bezeichnen (Teile der englischen Magonia-Crew, Nigel Watson, um nur ein paar Beispiele zu nennen), doch soll hier „fortianische Ufologie“ als etwas esoterische, sich auf Fort berufende Spielart der UFO-Forschung definiert sein, als deren Hauptvertreter gemeinhin John A. Keel und Jacques Vallée gelten.
 
CHARLES HOY FORT - DER SCHÖPFER DES UFO-MYTHOS
 
Charles Hoy Fort (1874-1932) ist einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gewesen, einer der witzigsten Philosophen zudem, und der Schöpfer von zahlreichen Spielarten der Parawissenschaften. (1) Seine parawissenschaftlichen Hypothesen sind schwer einzuordnen, wenn man Forts grundsätzlichen philosophischen Gedanken nicht kennt; die aber hier auszuführen, ginge zu weit. (2) In seinen vier Sachbüchern (3) erklärt, oder streift, oder umkreist Fort seine Philosophie des Nicht-Wissens, der allmählichen, nie aber definitiven Annäherung an eine nichtwissbare Wirklichkeit, seine Gewissheit der komplexen Verknüpftheit aller Dinge, der Unmöglichkeit von Definition und Erkennen. Jede Erkenntnis von Wirklichkeit wird nur dadurch gewonnen, dass alle diesem Weltbild widerlaufenden „Daten“ ausgesondert, ignoriert, „verdammt“ werden. Wenn man aber die Totalität der Daten nimmt, dann kann man selbst die absurdesten Weltbilder entwerfen und „beweisen“ - z.B. dass der Kosmos winzig klein ist, von einer festen Schale umgeben wird, und dass Besucher von nahen Planeten die Erde besuchen. Das ist dann wieder absurd, ergo: Aus der Analyse der Phänomene kann nach Fort nicht auf eine endgültige Wirklichkeit geschlossen werden.
 
Zwei der alternativen Weltbilder, die Fort so aufgestellt hat, sind die Prä-Astronautik und die Ufologie, die er spätestens in seinem zweiten Buch „New Lands“ (Neuland) 1923 begründete. Fort interpretiert astronomische und archäologische Anomalien so, als belegten sie die Anwesenheit von Außerirdischen seit Urbeginn der Menschheit. Diese Außerirdischen kommen in Himmelsschiffen, und die Erde ist fest in ihrem Besitz.
 
Im 18. Kapitel von „Neuland“ spekuliert Fort, Berichte von Engeln seien in Wahrheit verzerrte Berichte über außerirdische Besucher: „Eines Tages werde ich Daten veröffentlichen, die mich auf den Verdacht gebracht haben, daß viele Erscheinungen auf der Erde, die früher von Theologen und Dämonologen interpretiert wurden und die heute eher dem Studiengebiet der medialen Forschung [Spiritismus] zugerechnet werden, Wesen und Objekte waren, die diese Erde besucht haben und die nicht von einer spirituellen Ebene, sondern aus dem Weltraum gekommen sind. Daß die extra-geographischen Bedingungen spiritueller Natur sein könnten und die Materie dort äußerst verdünnt sein mag, darum geht es mir im Augenblick nicht, obwohl auch das eines Tages akzeptiert werden könnte. Natürlich leiden all diese Daten in einer Hinsicht unter ebenso großen Verzerrungen, wie sie in anderer Hinsicht leiden müßten, wenn sie von Astronomen oder Meteorologen vorgetragen würden. Was das Material in diesem Kapitel angeht, so nehme ich die Position ein, daß es vielleicht Erscheinungen am Himmel gab, die vielleicht Offenbarungen über oder Spiegelbilder aus unbekannten Regionen und Reichen des Weltraums waren, Schauspiele von relativ nahen bewohnten Ländern und Reisenden im Weltraum, daß aber alle Berichte über sie die Produkte des Verschmelzens [eigentlich: Assimilierens] des Unbekannten mit Figuren und Symbolen der nächstbesten vertrauten Ähnlichkeit waren.“ (4)
 
Und im 27. Kapitel, als Fort Geisterarmeen am Himmel beschreibt, fasst er noch einmal zusammen: „Allgemein akzeptieren wir, daß alle Berichte über solche Phänomene in Begriffe jener Erscheinungen und Themen gekleidet werden, die den Leuten am stärksten im Bewußtsein sind.“ (5)
 
Auf gut deutsch: Etwas Fremdartiges erscheint am Himmel, wird aber immer in den Begriffen wahrgenommen und weitergemeldet, die den Leuten vertraut sind. Die Außerirdischen werden so als Geisterarmeen gedeutet, wenn Krieg herrscht oder befürchtet wird, als Engel, wenn es zu protestantischen Erweckungsbewegungen kommt, als Ballone, wenn die Presse über Ballonfahrten berichtet und als Luftschiffe (1896/97), wenn die Presse voller Berichte über Luftschiff-Erfindungen ist. Auch wenn es Forts Außerirdische wohl kaum gibt (und er eventuell auch gar nicht an sie glaubte): Das ist eine elementare Erkenntnis, die heute noch gilt. Und sie ist das stillschweigend akzeptierte Axiom der „fortianischen Ufologie“, auch wenn sich der Focus zu der Annahme verschoben hat, dass es sich bei diesen zeitgebundenen Interpretationen um eine bewusste Anpassung der Außerirdischen, um Mimikri, handelt (der Begriff stammt von John A. Keel).
 
Forts Einfluss auf die UFOlogie der ersten Jahre kann nicht deutlich genug betont werden - sowohl Kenneth Arnold als auch Ray Palmer waren Fortianer, und die ersten Forschungsberichte der Air Force verweisen immer wieder auf Fort als den ersten, der über fliegende Untertassen schrieb - 25 Jahre, bevor sie auftauchten! (6, 7)
 
IVAN T. SANDERSON - LEBENDIGE UFOS UND ALIENS IM MEER
 
Erstaunlicherweise ist gerade der erste „fortianische Ufologe“, der schottische (später amerikanische) Zoologe Ivan T. Sanderson (1911-1973), die Ausnahme von der Regel. Sanderson nahm an, dass - wie von Fort metaphorisch vorgeschlagen - UFOs Lebewesen sind, die im All existieren können, schloss aber auch nicht aus, dass manche außerirdische Maschinen sein könnten. Selbst in Berichten über tote Seeungeheuer, die an Land gespült wurden, sah Sanderson Indizien für diese Annahme. Er hat dieser Theorie ein ganzes Buch gewidmet, „Univited Visitors“, das zwar extrem spannend zu lesen ist und von Sandersons Erfahrung als Biologe profitiert, dass aber so schlecht recherchiert ist, dass die Schlussfolgerungen allesamt leicht angreifbar sind. Ähnlich steht es mit seiner zweiten Erklärung, die Außerirdischen hätten seit Urzeiten große Städte unter den Meeren, von wo aus sie im Bermuda-Dreieck Menschen entführten. Auch diese Vorstellung basiert auf Thesen, die Fort in seinen vier Büchern geäußert hat. (8)
 
Sanderson war zuerst ein großer Popularisator der Zoologie, als einer der ersten machte er ökologische Gedanken einem breiteren Publikum bekannt. Er hatte selbst in der Karibik und in den USA mehrere Male UFOs gesehen, in Afrika beobachtete er einen Dinosaurier und einen Flugsaurier. Diese Erfahrungen ließen ihn den rigiden Wissenschaftsbegriff erweitern, bereits in den 50er Jahren wurde er Mitglied der „Fortean Society“. Sanderson war hauptsächlich an den Phänomenen interessiert (er glaubte, als Biologe sei er besser geeignet, UFO-Sichtungen zu erklären, als das Astronomen oder Psychologen könnten). Forts Philosophie interessierte ihn wenig.
Ivan T. Sanderson (1911-1973)
 
„Man kann es keiner wissenschaftlich geschulten Person übel nehmen“, schreibt Sanderson (9), „wenn sie mit [Entsetzen] auf [Fort] reagiert. Fort war ein großartiger Sammler, aber obwohl er eine gewisse wissenschaftliche Ausbildung hatte (übrigens als Zoologe) und auch Erfahrung als Journalist, war er niemals ein Wissenschaftler, und er war ein schlampiger Reporter, weil er darauf bestand, immer zu kommentieren. Wenn er einfach nur die Fakten berichtete, war er unschlagbar, aber sein koboldhafter, ironischer Humor ging mit ihm durch, wenn er das abstoßende Potpourri der Fakten, die er entdeckt hatte, zu erklären versuchte.“ Es sei kein Wunder, dass „seriöse Ufologen“ nichts mit Fort zu tun haben wollten. John Michell fasst Sandersons Verhältnis zu Fort zusammen, wenn er ihm vorwirft, er suche „nach kostbaren fortianischen Daten, die [seine] persönlichen Thesen bestätigen sollten. Sanderson blieb auf dieser Ebene hängen.“ (10)
 
Sanderson stand auch hinter der Gründung der zwei wichtigsten fortianischen Gruppierungen der USA, der SITU (die ersten Hefte der SITU-Zeitschrift „Pursuit“ wurden von Sanderson editiert, dann von John A. Keel) und der INFO. Sein Beitrag zur eigentlichen „fortianischen UFOlogie“ ist aber gering; vor allem deshalb, weil Forts spielerische These von riesigen Weltraummonstern, die lebendig sind, von uns aber für UFOs gehalten werden, in der UFOlogie kaum noch Unterstützung findet. Was aber Sandersons Thesen zu überlebenden Dinosauriern, USOs und der regelmäßigen Verteilung von insgesamt 12 Bermuda-Dreiecken angeht, so findet man das - gerade in Internet-Zeiten - immer wieder bei noch jungen Parawissenschaftlern unreflektiert übernommen.
 
DIE ULTRATERRESTRIER VON JOHN A. KEEL
 
John A. Keel (*1930), ein amerikanischer Abenteurer und Journalist, war zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere stark von Sanderson beeinflusst, beide blieben lebenslang engste Freunde. (11)
 
Keel begann Mitte der 60er Jahre, UFO-Sichtungen zu untersuchen, und nahm schnell Abschied von der „nuts-and-bolts“-Theorie; der Vorstellung also, dass UFOs außerirdische Raumschiffe seien. Seine Augenzeugen berichteten ihm oft von Poltergeistern, Gespenstern, Männern-in-Schwarz, von seltsamen Zufällen und obskuren Botschaften der Fremden. Keel schloss im Laufe seiner Untersuchung (gerade auch in West Virginia, wo er Kontaktler und Augenzeugen befragte, die einen Mottenmann gesehen haben wollten), dass hinter den UFOs keine Außerirdischen stünden, sondern so genannte Ultraterrestrier, intelligente Wesen, die sich jenseits des sichtbaren Spektrums aufhielten, und die die Erde beherrschten (eine Idee von Fort). Diese Ultraterrestrier passten sich - wie bei Mimikri unter Tieren - unseren Erwartungen an bzw. wurden entsprechen unserer Erwartungen wahrgenommen, so dass sie im Mittelalter als Elementargeister, im 19. Jahrhundert als Maria, Engel oder geheimnisvolle Erfinder und im 20. Jahrhundert dann als Außerirdische maskiert auftraten. Keel war der Ansicht, diese Ultraterrestrier seien uns böse gesinnt und manipulierten uns - es seien die Wesen, die man seit Urbeginn der Zeit als Dämonen bezeichne. Die UFOlogie sei eine Pseudowissenschaft, mehr über das Erscheinen der Fremden könne man erfahren, wenn man die Dämonologie der mittelalterlichen Autoren studiere.
John Keel
 
Die eigentlichen UFOs und ihre Insassen sind aber keine Lebewesen in unserem Sinn, sondern intelligente elektromagnetische Erscheinungen, die sich hauptsächlich in den Bereichen abspielen, die wir Menschen nicht erfassen können (Ultraviolett z.B.) und die nur unter besonderen Bedingungen sichtbar werden. In diese Lichtpunkte interpretieren wir unsere Erwartungen hinein, so kommt es zu der „Mimikri“ aufgrund unserer soziologisch konditionierten Erwartungen. Alle UFO-Nahbegegnungen sind nur Halluzinationen, die von den Lichtern hervorgerufen werden, deren Strahlen unsere Gehirne beeinflussen. In gewisser Weise sind wir auch am Auftauchen der Ultraterrestrier schuld, weil sich in ihnen unsere Ängste materialisieren und zu Dämonen werden.
 
Keel stellt diese These in seinem Buch „Operation Trojan Horse“ vor, in späteren Arbeiten wird sie dann nur noch variiert. Tatsächlich berufen sich Autoren, die Keel anführen, fast immer ausschließlich auf dieses Buch, nur selten auch auf „The Mothman Prophecies“.
 
Als der UFO-Forscher und Fortianer Nigel Watson in einem Aufsatz in der „Fortean Times“ (12) Keels Thesen von den übernatürlichen Ultraterrestriern zusammenfassend kritisch besprach - als philosophische Bankrotterklärung nämlich -, reagierte Keel mit einem seitenlangen ausführlichen Brief, der betonte, dass der Inhalt von „Operation Trojan Horse“ (OTH) auf Wunsch des Verlegers nicht nur verwässert, sondern auch verdreht worden sei: In Wirklichkeit handele es sich bei dem UFO-Phänomen um Schwindel und Halluzinationen.
 
„Als ich OTH schrieb, war mir bewusst, dass ich für ein Publikum schrieb, das im Grunde sehr beschränkt war. Ein Publikum, das keine Ahnung hatte von Philosophie und Psychologie (wo meine beiden Schwerpunkte lagen), und das praktisch keine Ahnung von der modernen Physik hatte (etwa dem elektromagnetischen Spektrum). Ich musste mich auf sein Niveau begeben und jede Menge literarischer Tricks einsetzen. Trotzdem ärgerte das Buch den Verlag dermaßen, dass er es fast nicht veröffentlichte. Es war kein 'Buch für UFO-Gläubige', wie man sich ausdrückte. ... Der Verlag dachte, ich sei viel zu eindeutig in meinem Urteil. Meine ursprüngliche Schlussfolgerung war deutlich und unverhohlen. Ich erklärte ganz einfach, dass 99,9% der UFO-Literatur Schwachsinn sei. In OTH wollte ich zeigen, wie und dass man jede Theorie konstruieren kann, wenn man als Leser nichts versteht von der Geschichte der Glaubenssysteme. ... Ich wollte vor allem versuchen, einen Art Bezugsrahmen zu schaffen, den der Leser hoffentlich zu verstehen vermochte. Offensichtlich habe ich versagt. Selbst jetzt glauben einige Leser noch, dass es sich bei den Ultraterrestriern um reale Lebewesen handelt. Was ich in meinen fünf Büchern gesagt habe, so sorgfältig wie möglich und genau definiert, war, dass wir die Intelligenz sind, die das Phänomen kontrolliert, weil dieses Phänomen nicht in der gleichen Art und Weise existiert wie etwa ein VW. Einige aufmerksame Leser haben begriffen, dass mein Buch vor allem gegen die organisierte Religion gerichtet war. ... Eine wissenschaftliche Methode kann nur dann angewendet werden, wenn unsere Wahrnehmungen verlässlich sind. ... Wer dunkle Magie ausübt, lebt in einer dunklen Welt von Halluzinationen, wo die Wirklichkeit nur noch verzerrt wahrgenommen wird, weil hier das Bewusstsein eingreift und weil es den Willen zum Glauben gibt. Die Wunder, die Magier ausüben, können nur selten auch von Außenstehenden gesehen werden. ... Obwohl Luftschiffe noch nicht wirklich in den Jahren 1896 und 1897 fliegen konnten, waren sie doch Gegenstand vielfältiger Spekulationen in der Presse, und es war sicherlich jedermann bewusst, dass Erfinder nahe an der Verwirklichung dieses Traumes waren. Daher war es verständlich, dass, wenn ein ungewöhnliches Licht am Himmel erschien, der Zeuge dieses für ein Luftschiff hielt. Die meisten der Berichte von 1896-97 waren jedoch Enten, erfunden von Journalisten (damals gab es sehr viele Zeitungsenten, die gerade in Mode waren), dazu kamen gelangweilte Telegrafenbeamte, die jede Menge Scherze erfanden, um sich und anderen die Zeit zu vertreiben. Wenn man das Kapitel über Luftschiffe in OTH genau liest, wird man feststellen, dass ich mich über die Berichte lustig mache.“ (13)
 
Das sind schlechte Nachrichten für all jene, die Keel heute zur Stützung ihrer Ansichten heranziehen oder die sich selbst „Keelianer“ nennen. Was er hier sagt ist, dass das ganze UFO-Phänomen nicht übernatürlich, sondern soziopsychologisch ist. Die sinistren Thesen seiner Bücher dienen nur dazu, die Aufmerksamkeit der Leser zu erregen, auf die er herabsieht, weil sie nicht clever genug sind, seine komplexen Thesen zu verstehen. Dieser Brief, nicht das Buch OTH, enthält Keels Philosophie. Keel denkt zwar, dass der UFO-Mythos aufgrund der Beobachtung exotischer elektromagnetischer Lichtkugeln entstanden ist, aber jede Form, die die Zeugen dieser Erscheinung geben und jede Erklärung, der sich daran knüpft, ist ein verwerflicher Akt des Glaubens. Selbst wenn man nicht an diese exotischen Lichtbälle glaubt (für die es keine Belege gibt), so sind Keels Beobachtungen in vielen Fällen noch heute relevant, etwa, wenn er den Einfluss des paranoiden Shaver-Mythos auf die moderne UFO-Folklore schildert. Tatsächlich hat Keel mehrere wissenschaftliche Aufsätze in soziologischen Fachzeitschriften veröffentlicht, in denen er die Einflüsse der frühen SF auf den UFO-Mythos und die Glaubenssysteme der UFO-Gruppen bespricht - hier sah er wohl das Publikum, das den psychiosozialen Aspekt verstand.
 
In einem Interview mit Mark Chorvinsky von der Zeitschrift „Strange“ (14) fasste Keel seine Schlussfolgerung zum Thema zusammen: Zwar hielt er weiterhin an der Existenz eines geheimnisvollen elektromagnetischen Phänomens fest, betonte aber die Anzahl der Schwindel. „Das alles ist Scheiße“, beendete er das Interview recht drastisch, „die Forscher suchen nach Monstern, die es einfach nicht gibt!“
 
DAS KONTROLLSYSTEM VON JACQUES VALLÉE
 
Jacques Vallées (*1939) Ruhm begründet sich, wie der von Keel, hauptsächlich auf ein einziges Buch, nämlich „Passport to Magonia“ (das später gekürzt und mit zusätzlichem Material angereichert unter dem Titel „Dimensions“ neu aufgelegt wurde). (15)
 
In „Passport to Magonia“ stellt Vallée anhand zahlreicher Beispiele fest, dass das moderne UFO-Phänomen nur eine Fortsetzung alter Volksvorstellungen über den Kontakt mit nicht menschlichen Intelligenzen ist (Kobolden, Engeln, Marienerscheinungen), und dass der gesamte UFO-Mythos von der Sciencefiction beeinflusst wurde, der er seine zeitgenössische Ausprägung verdankt. Es ist wichtig, dass Vallée auch - wie Keel - betont, dass es sich bei den Berichten über nahe Begegnungen mit UFOs nicht um Tatsachenberichte handelte, sondern um moderne Varianten von Sagen.
 
Deutlich genug beginnt der Band: „Dieses Buch“, so schreibt Vallée, „ist der Versuch, eine Brücke zu bauen - eine zerbrechliche und unsichere Brücke - zwischen einer Wahnvorstellung und einem Mythos. Es ist kein wissenschaftliches Buch. Man könnte es ein philosophisches Buch nennen, wenn es denn eine Philosophie der Nicht-Tatsachen gibt. Es ist kein dokumentarisches Buch, es sei denn, die Träume von spielenden Kindern und die Schreie von Frauen, die auf dem Scheiterhaufen brennen, könnten dokumentiert werden. ... Es wird viel zu selten betont, dass unsere Zeit mythologisches Material hervorgebracht hat und noch hervorbringt, dass in Quantität und Qualität fast keine Parallele in der reichen Geschichte der menschlichen Imagination hat.“ (16)
J.-Allen Hynek und  Jacques Vallées
Am Ende seines Klassikers stellt Vallée fünf Fakten fest, die er aus seiner Untersuchung des UFO-Phänomens gewonnen hat:
 
1) Seit der Mitte des Jahres 1946 ist es weltweit zu einem sehr virulenten Gerücht gekommen, das auf der Beobachtung von Maschinen auf dem Boden, ihren Insassen und ihren Spuren beruht.
 
2) Werden diese Gerüchte und Berichte auf ihr Archetyp reduziert, zeigt sich, das es sich um die gleichen Geschichten handelt, die aus Magie und Folklore bekannt sind.
 
3) Im großen und ganzen entsprechen die modernen Besucher den Elementargeistern vergangener Zeiten. Sie fallen in mehrere Kathegorien.
 
4) Die Insassen verhalten sich absurd. Deshalb sind Wissenschaftler abgeschreckt, Mythen bilden sich um die Erscheinungen.
 
5) Der Mechanismus der Erscheinungen ist durch die Zeiten identisch, er ist der des religiösen Wunders.
 
Daraus zieht Vallée drei Schlussfolgerungen:
 
1) Wenn es sich bei Ufonauten um nichtmenschliche Intelligenzen handelt, ist ein solches absurdes Verhalten zu erwarten.
 
2) Die Natur der Zeit ist noch so wenig erforscht, dass das vorliegende Problem nicht lösbar erscheint.
 
3) Die Erscheinungen haben zu einem Mythos geführt, der die Menschen politisch und religiös manipulierbar macht.
 
„Ich habe den Schlüssel zu diesem Rätsel nicht. Ich kann mich nur wiederholen: Diese Suche ist vielleicht sinnlos, vielleicht liegt die Lösung außerhalb unseres Erkenntnisvermögens ... Vielleicht suchen wir nach etwas, das nicht mehr ist als einem Traum, der, obwohl er Teil unseres Lebens geworden ist, niemals wirklich existiert hat. Wir wissen nicht, ob wir hier etwas Wirkliches untersuchen, weil wir nicht wissen, was Wirklichkeit ist; es ist aber sicher, dass diese Untersuchungen uns mehr über uns selbst verraten werden.“ (17)
 
Später hat Vallée diese Ideen weiterentwickelt. Er sieht nun in den Besuchern eine Art übernatürliches (der Ursprung der Phänomene bleibt bei ihm stets nebulös) Kontrollsystem, das die Entwicklung der Menschheit steuert - durch Erscheinungen, die Religionen und Ideologien erschaffen. Im Gegensatz zu Keel, der diese Wesen für Dämonen hält, für eine Kraft, die mit den Menschen spielt, sieht Vallée sie eher als neutral an. Wie ein Thermostat, der die Temperatur in einem Raum regelt, lassen die Wesen aus Magonia die Menschheit zwischen Phasen der Rationalität und Irrationalität pendeln. Ihr Ziel (wenn es eines gibt) ist unklar.
 
DER EINFLUSS DER „FORTIANISCHEN UFOLOGIE“
 
Neben Keel und Vallée muss man Loren Coleman und Jerome Clark in den frühen 70er Jahren zu den fortianischen UFOlogen zählen. In zwei Büchern, „The Unidentified“ (über UFOs und CE IIIs) und „Creatures from the Outer Edge“ (über Monster) haben Clark und Coleman versucht, UFOs und Monster - in Folge von John Keel - als Projektionen des kollektiven Unbewussten nach C.G. Jung zu deuten - als Archetypen, die durch paranormale Prozesse Realität werden und in unsere Wirklichkeit eindringen und sie wieder verlassen. (18) „Wir sind der Ansicht“, schreiben sie im Vorwort zu „Creatures“, „dass UFO-Berichte, Geschichten von Kobolden und religiöse Visionen aus der selben Quelle stammen. Was immer diese Quelle sein mag, ihre Signale werden durch das menschliche Bewusstsein und unsere Wahrnehmung gefiltert, die dazu führen, dass diese Manifestationen bestimmten Archetypen entsprechen, die gleichzeitig fremdartig und vertraut sind. Fremdartig, weil sie übernatürlich oder außerirdisch wirken, vertraut, weil wir selbst sie geschaffen haben. Wir kleiden sie so, wie es unser kultureller Hintergrund vorgibt.“
 
Als zahlreiche europäische UFO-Forscher ihre Anregungen aufnahmen, UFO-Berichte psychologisch deuteten und schließlich davon ausgingen, dass alles psychologisch und nichts paranormal sei, wendeten sich Clark und Coleman von der „fortianischen UFOlogie“ entsetzt wieder ab. Clark ist mittlerweile ein Vertreter der „wissenschaftlichen Schrauben-und-Muttern“-Schule der UFOlogie, Loren Coleman hat sich auf Kryptozoologie spezialisiert und wirft immer neue, wenig recherchierte Werke auf den Markt, in denen er die psychologischen und soziologischen Aspekte der Kryptozoologie nicht nur ignoriert, sondern unreflektiert ablehnt.
 
Was hat nun die „fortianische Ufologie“, die in ihrer Ausprägung durch Keel, Vallée, Clark und Coleman eher Weltanschauung denn Wissenschaft ist, an Fortschritten in der UFO-Forschung gebracht? Zum einen hat die „fortianische Ufologie“ mit ihrer Betonung der psychologischen und soziologischen Aspekte des Gesamtphänomens sowie mit den Verweisen auf Kontinuität und Geschichte sehr stark auf die psychosoziale These eingewirkt, die zumindest teilweise aus ihr hervorgegangen ist - als sich bei der Falluntersuchung zeigte, dass gar kein objektives UFO-Phänomen existiert, dass man also auf die Existenz von elektromagnetischen Dämonen oder auf die Anwesenheit eines übernatürlichen Kontrollsystems aufgrund der Datenlage verzichten muss.
 
Andere Forscher und Epigonen, wie etwa Dr. Johannes Fiebag oder Wladislaw Raab in Deutschland, nehmen Keels unbelegbare Metaphern wortwörtlich und erheben Vallée zum Renomierwissenschaftler - sie missachten also beständig Vallées Warnhinweise, dass er Philosophie und nicht Wissenschaft betreibt, und Keels sehr deutliche Worte, dass seine UFO-Hypothesen, wie die von Charles Fort, „literarische Tricks“ sind, die einem unverständigen Publikum einen komplexeren Sachverhalt schmackhaft machen sollen.
Wladislaw Raab
 
Forts Bedeutung sowohl für die konventionelle UFOlogie als Erfinder der ETH sowie für die „fortianische UFOlogie“ muss nicht betont werden. Ohne Fort gäbe es vielleicht heute gar kein UFO-Phänomen, wir hätten dann eine andere Weltanschauung, um seltsame Lichter im Himmel zu erklären, vielleicht eine Weiterentwicklung des Spiritismus. Aber Fort ist nach wie vor extrem fruchtbar für Analysen, die der psychosozialen These folgen: Seine Entdeckung der „Assimilation des Unbekannten mit dem Bekannten“ (Mimikri), seine Feststellung, dass politische Krisen und das verstärkte Auftreten von Phänomenen korrelieren, all das kann nach wie vor dabei helfen, die Mechanismen zu entziffern, die zu modernen Mythen wie der UFOlogie und zu Berichten über ungewöhnliche Erscheinungen führen.

 
ANMERKUNGEN UND LITERATURHINWEISE
 
1. Knight, Damon: Charles Fort. Prophet of the Unexplained. Garden City, NY: Doubleday & Company 1970, S. 189; Willis, Paul J.: The Alien Visitors of Charles Fort. Strange 1, 1987, S. 4–9; Ulrich Magin: Der Ritt auf dem Kometen. Über Charles Fort. Zweitausendeins: Frankfurt 1997; Ulrich Magin: Über Charles Hoy Fort. Mysteria3000, 4/2002; Ulrich Magin: Charles Fort – ein Wegbereiter der Sciencefiction. phantastisch!, Nr. 10, 2003
2. Die amerikanische Zeitschrift „Philosophy Now“ (Nr. 38, Oktober/November 2002) hat Fort kürzlich ein Heft gewidmet, der Prozess der Bewertung geht weiter, und längst ist noch nicht alles verstanden.
3. Fort, Charles: The Book of The Damned. New York: Boni & Liveright 1919, Das Buch der Verdammten. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1995;
New Lands. New York: Boni & Liveright 1923, Neuland. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1996);
Lo! New York: Claude Kendall 1931, Da! Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1997;
Wild Talents. New York: Claude Kendall 1932, Wilde Talente. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1998;
The Books of Charles Fort. New York: Holt, Rinehart & Wilson 1941; The Complete Books of Charles Fort. New York: Dover 1974
4. Neuland, S. 149-50; deutsch von Jürgen Langowski
5. Neuland, S. 201; deutsch von Jürgen Langowski
6. Brad Steiger (Hrsg.): Project Blue Book. New York: Ballantine 1987, Schlussbericht von Project Sign, Steiger, S. 172
7. Schlussbericht von Project Grudge von J. Allen Hynek, Steiger, S. 222
8. Ivan T. Sanderson: Invisible Residents - A Disquisition upon Certain Matters Maritime and the Possibility of Intelligent Life under the Waters of This Earth. New York: Avon 1973, Originalausgabe: 1970;
Uninvited Visitors. London: Tandem 1974, Originalausgabe: 1969
9. Uninvited Visitors, S. 127
10. John Michell: Die Welt des Charles Fort. in: Das Buch der Verdammten, S. vii
11. Keels wichtigste fortianische Bücher sind:
Keel, John A.: U.F.O.s - Operation Trojan Horse. London: Abacus 1973 (Originalausgabe: 1971);
Strange Creatures from Time and Space. Greenwich, Conn.: Fawcett 1970;
The Mothman Prophecies. New York: Signet 1976, Originalausgabe: 1975;
The Eighth Tower. New York: Dutton 1975;
Disneyland of the Gods. New York: AMOK Press 1988
12. Fools and Horses. Fortean Times 39, Frühjahr 1983, S. 53f
13. John A. Keel: The Mutilated Horse. Fortean Times 40, Sommer 1983, S. 3, 70
14. Strange 5, 1989, S. 35-40
15. Vallées wichtigste Bücher sind:
Anatomy of a Phenomenon - UFOs in Space. New York: Ballantine 1974, Originalausgabe: 1965;
Passport to Magonia - From Folklore to Flying Saucers. Chicago: Henry Regnery 1969;
The Invisible College. New York: Dutton 1975;
Messengers of Deception. Berkeley, Cal.: And/Or Press 1979;
Dimensions. Chicago: Contemporary Books 1988;
Confrontations. New York: Random House 1990;
Revelations. New York: Ballantine 1991;
Vallée, Jacques & Janine: Challenge to Science: The UFO Enigma. New York: Ballantine 1974, Originalausgabe: 1966;
Vallée, Jacques & Hynek, J. Allen: The Edge of Reality. Chicago: Henry Regnery 1975
16. Vallée, Jacques: Passport to Magonia. Henry Regnery: Chicago 1969, S. vii
17. Passport to Magonia, S. 163
18. Clark, Jerome & Coleman, Loren: The Unidentified. New York: Warner 1975; Creatures from the Outer Edge. New York: Warner 1978

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